| letzte Kommentare: / ... was ja dafür... damals | |
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19
März
Avant
Ist das Konzept der Avantgarde schon nostalgisch? Die Idee, dass man sich mit radikalen Ideen über einen kanonischen Stand erheben kann hat etwas romantisches und wohl sehr europäisches. Heute ist Kultur die Gesamtheit des Archives, ob auf Wikipedia, youtube oder in den Geistern der Sprachmodelle, die immer alles gleichzeitig wissen. Ein Vorausgehen scheint gar nicht mehr möglich - es ist ja unklar, von was genau man sich abgrenzen würde. Das Konzept der Avantgarde funktioniert vermutlich nur vor dem jahrtausendealten europäischen kulturellen Hintergrund und der Tatsache, dass es da schon jahrtausendelang dazugehört.
18
März
Kinderfasching
Kinderfasching war eines der pejorativen Worte meiner Jugend, um Veranstaltungen als lahm zu bezeichnen. Konzerte, bei denen eines meiner Kinder mitspielt sind für mich das Gegenteil von Kinderfasching. Herzbeglückend, wenn zumindest ein Minimum an Qualität erreicht wird. Und es wird erreicht. Kein Profi kommt dagegen an.
17
März
Güte
So geht es gelegentlich:
Man schaut oder liest gefeierte Meisterwerke und denkt sich "ganz gut, ja, kann man machen" und fragt sich aber worin die ganz große Meisterschaft liegt - oft nur weil man sich im Genre nicht gut auskennt. So ging es mir bei Westernfilmen. "Spiel mir das Lied vom Tod", Höhepunkt der Meisterschaft von Sergio Leone, fand ich ganz gut, aber eben doch zu sehr Western: Raue Männer mit ihren Sprüchen und Brutalitäten - nicht mein Genre. Gestern sah ich, mehr wegen Bob Dylans Musik als wegen des Films selbst den Streifen "Pat Garret and Billy the Kid". Leider spüre ich in jeder Szene die Mittelmäßigkeit und Lieblosigkeit. Gegen Sergio Leones Meisterwerk wirkt der Film wie eine billige Soap-Opera - weder in Handlung noch Bilder irgendwie bemerkenswert. Daran ändert die zwar gute, doch zum Western unpassende Musik von Bob Dylan leider nichts. (Auch seine Lyrics sind in anderen Lieder besser als "Lalalalalala!") So erkenne ich also die Meisterschaft der großen Werke: Sie gehen in ihrer Qualität über das Genre hinaus, brechen die Regeln an manchen Stellen und zeigen eine Liebe zum Detail, die sie auch für Banausen strahlen lässt.
04
März
Tschick 3
Jetzt ist also Kind 2 mit Tschick dran. Ich lese kurz rein und freue mich an dem konsequent genial banalen Tonfall, der nicht altert, gerade nicht, wo die Jugendsprache jetzt schon sehr anders ist. Andere Möglichkeit natürlich: Ich altere und finde die alten Sachen besonders gut und kann die neueren nicht beurteilen. Wobei, es ändert sich ja nichts mehr, die Kultur stagniert:
https://www.experimental-history.com/p/the-decline-of-deviance
03
März
Pfreuling!
Pfrühlinck lässt tzein plahues Pant
Hwitter phlattern turch tie Lüphte; Tzüße, wohlpekannte Tüphte Zthreiffen ahnuncksvoll tas Lant. Pheilchen träumen tzhon, Hwollen palte kommen. Horch, phon phern ein leitzer Harphenthon! Pfrühlinck, ja tu pist's! Tich hap ich phernommen!
19
Februar
Berlin
Vorgestern Lesung, gestern Berlinale, in der Millionenstadt finden sich immer eine Menge Leute die sich für Nischen interessieren, die niemals Massenerfolg haben werden. Der Regisseur kokettiert sogar damit, will kein Geld, keinen Ruhm und meint, dass Anstrengung auf ein Ziel hin die Kunst versaut. Machen, rausfinden, fließen lassen - das sei sein Prozess. Da kommen dann immer flüssigere Filme raus, so unehrgeizig, dass sie wirklich immer langweiliger werden und auch die eingeflochtene Deutschland-Schmeichelei und der latente Korea Hass nichts daran ändern.
15
Februar
Saarbrücken, die zweite
Saarbrücken war mir als hässlichste Stadt Deutschlands in Erinnerung. Komplett zerbombt, nur noch 7000 Menschen lebten nach dem zweiten Weltkrieg dort und dann wurde schnell aufgebaut ohne Gedanken an Schönheit. Derart eingestellt konnte ich nur positiv überrascht werden. Zumindest sah ich jetzt normale Einkaufsstraßen und einen ansatzweise hübschen alten Stadtkern. Diese Stadt ist das alte Westdeutschland in all seiner grauen Mittelmäßigkeit. Umso überraschter war ich von der KI Kunst, die dort ausgestellt wurde: Eine stroboskopartige Slideshow angelehnt an bekannte Motive der Kunstgeschichte, die sich in Echtzeit an ihre Betrachter anpasste. Besser als alle Digitalkunst, dich zuletzt in größeren Städten sah.
04
Februar
Entsetzliche Lücke
Man konnte mich bisher nicht dazu bewegen, die autobiografischen Bücher von Joachim Meyerhoff zu lieben. Sie schienen mir beim Reinlesen immer bestenfalls "recht nett", aber der literarische und inhaltliche Wert war eher unklar, auch wenn mir Herr Meyerhoff ein grundsympathischer Mensch zu sein scheint. Ideal gelungen dagegen die Verfilmung! Schrullige Großeltern, die aber immer knapp an der Ulkgrenze vorbeikommen: Der Film ist viel weniger deutsche Familienkomödie als der Trailer vermuten lässt. Er ist gefühlvoll ohne zu viel Klischee und Kitsch, furios gespielt und nicht von Plottwists belastet. Vor allem: Er reicht mir als Buchersatz vollkommen aus - nach dem Konsum des Kinofilms weiß ich, dass ich das Buch wirklich nicht zu lesen brauche.
29
Januar
Büchervergleich
Ein unmöglicher Büchervergleich: "Bartleby der Schreiber" von Herman Melville vs. "Wellness" von Nathan Hill. Bartleby ist alt, sehr kurz und sehr geheimnisvoll und transportiert dadurch sehr stark eine Stimmung. Wellness ist neu, sehr lang und sehr explizit und genau und lässt mich mit den Charakteren mitfühlen. Bartleby ist der unschlagbare Klassiker. Wellness ist der perfekte Roman unserer Zeit. Den einzigen Vorwurf, den man ihm machen kann, ist ein Übermaß an Perfektion. An alles ist gedacht, alles ist ideal ausgewogen: Humor, Psychologie, Handlungsverlauf, Verknüpfungen, Zeitbezüge, Spannung. Alles drin, nichts wirkt gezwungen. Traurigerweise, aber verständlicherweise haben solche Bücher nie das Zeug zum Klassiker. Man muss wohl doch das Geheimnis feiern.
28
Januar
Dramarama
Tiefe, Trauer, Trauma - all das gilt als bedeutungsschwer und wichtig und schwierig. Witz, Charme, Humor als locker und leicht. Es geht so weit, dass in der Kulturindustrie die Lustigen nicht so ernst genommen werden, wie die Ernsten. Dabei weiß eigentlich jeder, dass es umgekehrt ist: Drama ist einfach, Komödie ist schwer.
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