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20
September
Pflichten
Die Alten verschwinden langsam, aber sicher. Die den Krieg noch erlebt haben, noch echte Armut kannten deren Schrullen ihre eigenen sind, keine Zitate. Den Alten wird Tiefe und Seele zugetraut, sie sind rauer, echter, vermutlich traumatisiert, aber ohne es wissen zu wollen. Wiedermal: Fortschritt ist Glätte, Nüchternheit. In vielen Hinsichten besser. Aber mit dem Verlust der Alten geht wirklich etwas verloren, etwas, das nicht in diese Kategorien passt. Nicht nur der Abglanz von, sondern tatsächlich Seele, mit all ihren Lügen und Brüchen, aber eben auch ihrem heißen Sehnen. So wollen wir zumindest glauben, um wenigstens noch etwas romantisieren zu können oder uns Melancholie zu erlauben, die ja immer falsch und nahe am Kitsch ist. Aber die Trauer über den Verlust von echten Menschen als kitschig zu bezeichnen wäre geschmacklos - hier darf man also ungestöhrt rührseelig sein.
[aber eben auch]
17
September
Herbste
Jedes Jahr das Gleiche, trotz Klimawandel: Ich sehne mich nach noch einem letzten Sommertag, hoffe auf noch ein paar südlichere Tage und freue mich, wenn ich noch einmal Schwimmen gehen kann. Ansonsten: Herbstdepression oder zumächst aufkommende Melancholie, weil das Jahr seinen Höhepunkt überschritten hat und es dem Ende entgegen geht. Diese abgedroschenen Metaphern scheinen so zwingend, dass ich fast nicht glauben kann, wie viele Menschen sich auf Herbst und das graue Wetter freuen. Die Qual der wenigen 40 Grad warmen Tage ist für mich schnell vergessen, aber das Gefühl der kommenden bleiernen Zeit, die auf das Ende zu geht, ist sehr klar.
16
September
Faszinosum
Die Entzauberung der Menschen mit meinem zunehmendem Alter. Früher schien es sie noch zu geben, die faszinierenden, geheimnisvollen Frauen, die anderen Welten, in denen sie lebten. Oder waren es auch damals eher Projektionen aus Literatur und Film, als echte Menschen? Heute gelingt selbst die Projektion nicht mehr, ich durchschaue die Menschen zu sehr oder, was trauriger wäre, ich treffe keine Menschen mehr, in die ich etwas projezieren könnte. Die Looks sind egal, die irgendwie krassen Charakterzüge haben sich abgeschleift, sind eher anstrengend als faszinierend geworden oder wirken verzweifelt. Lebensmut und Fröhlichkeit, die kann es noch geben, immerhin. Aber fremdartige Faszinosa - dafür habe ich wohl zu viel gesehen, leider.
09
September
Bemühen
Sich bemühen sich zu freuen. Das klingt so traurig, aber es funktioniert erstaunlich oft sehr gut. Es gibt Grenzen und es geht auch nicht unendlich oft, aber immer mal wieder neues zu probieren, sich zu bemühen sich daran zu freuen: Das kann mehr Freude machen, als alles abzulehen, weil man das eh nicht mag und dann immer bei seinen alten Freuden zu bleiben, die aber leider nicht mehr so richtig kicken.
07
September
In die (Wohnzimmer) Disco rein
Ein leer geräumtes Wohnzimmer, eine gut blinkende Discokugel, guter, lauter Sound und eine Mischung aus tanzbereiten Teenies, erwachsenen Freunden und eine Beimischung von Menschen, die sich noch gar nicht kennen - dazu eine Playlist die den üblichen Klassikern noch gelegentliche Überraschungen aus weniger bekannten Klassikern hinzuzufügen hat und fertig ist die beste Party des Jahres. Dafür gibt es keine Altersgrenze.
01
September
Zergliederung
Dass alleine analytische Zergliederung auf manche Menschen schön böse wirkt! Man stellt sich über die Welt, beobachtet sie, nimmt sie auseinander, ist nicht freundlicher Teil von ihr. Das schmeckt nicht allen. Mir schmeckt das kritiklose Teilsein nicht, es ist mir gerade, wenn es um etwas geht, also beispielsweise bei Demonstrationen, regelrechtig körperlich unangenehm. Manchmal halte ich das aus, wenn ich finde, dass es sein muss. Aber Zergliederung ist mir lieber, als über wahrgenommene Unterschiede hinwegzusehen.
25
August
Normcore
Einfallsloser Standardlook nicht als ironischer Normcore, sondern als Status-Spiel mit dem Signal aufwändige Status-Spiele gar nicht nötig zu haben. Mainstream, nicht aus Konformität, sondern Ablehnung des Zwangs zum Individualismus. Sympathisch, senkt aber vermutlich die Kreativität und ist leider doch nur eine scheißegal Haltung, die mir nicht gefällt.
24
August
Reisen
Reisen bildet, sagt man. Stimmt nur halb: Lesen beim Reisen bildet. Und aufschreiben, was man bemerkt. Und dann mit der AI darüber diskutieren. Aber Reisen stumpft auch ab. Man ist abgelenkt, kann weniger nachdenken.
Bei Radfahren und Hörbuchhören kann ich wieder träumen und die Gedanken schweifen lassen, was so viel heißt wie: Überlegen, wer ich sein will.
23
Juni
Nett
"Lieber böse, als langweilig!" sagt meine Mutter des Öfteren und meint es natürlich nicht ganz so. Allerdings: Das genuin Nette, wirklich voraussetzungslos liebe, also Jesus oder Gott ist notwendigerweise lame. Zumindest wenn Menschen es beschwören oder daran glauben. Wenn es Gott wirklich gäbe oder Jesus und die beiden wirklich 100% immer nur nice wären, ok, das würde doch fetzen.
22
Juni
Bürger für Bürger
In meiner Heimatstadt laufen alle Bürger-Aktionen - seien es Hilfsangebote oder kleine Feste - so derart solide und handfest und mindestens Jahrzehntelanger Tradition, dass immer alles ordentlich läuft und keine Überraschungen möglich sind.
In Berlin machen irgendwelche Mütter oder Künstler irgendwas, haben erst mal schnell gebastelt und es wirkt dadurch immer improvisiert, nach ein paar Jahren sind sie wieder weg, es gibt keine Strukturen. So ist es im Großen, wie im Kleinen. Im Großen täte Berlin wohl etwas mehr Stabilität gut, im Kleinen darf es gerne wild oder auch nur tastend bleiben.
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