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02
November
Schlechte Parties
Zu viel Verkleidung, zu viele Floors. Alle wollen beeindruckend aussehen, die Verkleidung ist aber nicht partytauglich, hindert am Tanzen. Also zieht man von Floor zu Floor - es herrscht ein konstanter Strom an Menschen die nur mal vorbeischauen wollen. Das in Kombination mit kühlen Elektrobeats sorgt nicht dafür, dass die Stimmung kocht. Vielleicht will die Mehrheit gar keine kochende Stimmung? Emotionen können ja auch Angst machen, die jüngeren Leute sehen eher die Gefahr als die Freude am Exzess - und deshalb findet der Exzess nur in den sicheren Gefilden der Verkleidung statt?
Bei Mainstream/Trash/Retro Parties singen die Leute zwar mit und sind dabei, aber alles findet in hermetischen Zirkeln statt: Die Gruppen, die gekommen sind um zu feiern, bleiben unter sich - und bringen sich damit um den ehemaligen Hauptspaß von Parties: Kontakt zu fremden Menschen aufnehmen, ohne unbedingt reden zu müssen.
01
November
Sägekunst
Moderne Kunst! Sie kann super sein, besonders dann, wenn sinnliche Erfahrung und originelles Konzept mit irgendeiner Botschaft zusammenkommen. Hamburger Bahnhof, die Halle voller großer Holzklötze und Musik, Menschen bauen daraus die tollsten Konstruktionen - es herrscht eine fröhlich zupackende Geschäftigkeit, super. Die exakte Reproduktion eines Spinnenetzes, nur 10 mal größer und in schwarz: Super.
Aber es gibt auch das Genre der digitalen Installationskunst, das hauptsächlich aus unklaren flimmernden Bildern und kreischenden, sägenden Sounds besteht. Mit aufwendiger Technik, aber entweder schlecht kalibriert oder absichtlich unangenehm. Für mich auch nicht "viszeral" erfahrbar. Das kann gerne aufhören.
29
Oktober
Lisa Hrdina
Ich höre immer noch 1999 über dem Meer und mag es, wie eigentlich alle Bücher, bei denen ich länger dabei bin, immer lieber. Heute hat vermutlich auch das wunderschöne Herbstwetter geholfen. Und endlich habe ich verstanden, an wen mich die teilweise überbetonte, irgendwie fleischige Aussprache der Sprecherin Lisa Hrdina erinnert. Passend zur Neuauflage von Popliteratur: Benjamin von Stuckrad-Barre.
28
Oktober
Banger
Wir mögen das Geschäft "Cyroline" in Lübeck. Coole Mode, fair produziert und bepreist, es gibt Computerspiele, Popcorn, einen DJ, Kaffee und Sekt. So einfach, so gut. Daher singen wir immer "Cyroline!" auf die Melodie von "Hold the Line" (Toto), wenn wir zu dem Laden gehen. Im Überschwang singe ich auf diese Weise "Cyroline!" in das Gesicht der etwas zu freundlichen Verkäuferin und sie meint den Song zu kennen, er sei "Voll der Banger!".
25
Oktober
Lesen
Auf dem Handy lesen gilt als stressig, dopaminausschüttend, unentspannt. Die gute, alte Papierzeitung verbinden wir mit Kaminfeuer, Ruhe und Gemütlichkeit. Mir geht es umgekehrt. In der Zeitung steht immer so viel. Man muss sie durcharbeiten. Jeden Tag kommt eine neue. Auf dem Handy sind es nur einzelne Artikel, die ich schaffen muss. Und ich kann viel leichter überall lesen - einen Kamin habe ich sowieso nicht.
23
Oktober
Klick
Ich dachte ja lange schon, alle Menschen seien doof, niemand verstünde mich. Besonders die Frauen. Dann traf ich meine Frau und sah, dass es Ausnahmen gab. Jetzt weiß ich: Ich komme mit den meisten Menschen gut zurecht, aber es klickt nur sehr selten. Wenn es passiert, muss das gefeiert und genutzt werden. Man könnte jetzt denken, ich solle nicht mehr, sondern besser ausgewählte Menschen treffen. Aber das klappt so nicht. Gerade die ausgewählten Menschen sind oft super langweilig, alle sagen nur das gleiche. Mehr Zufall, mehr Menschen, dann klickt es auch öfter.
22
Oktober
Ewiges Dilemma
Gesellschaftlich glaubt jeder, dass man Veränderung, Wagnis, Risiko braucht, damit alle auch in Zukunft gut leben können. Privat wollen sie aber vor allem Ruhe, Sicherheit, Stabilität - zumindest diejenigen, die mindestens einmal gute Zeiten erlebt zu haben glauben.
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