letzte Kommentare: / ... was ja dafür... damals / Schule wirkt nach pelicola delle rane / glaube nicht, dass... c17h19no3


23
Juni
Alte Albernheiten
Diese 90er Jahre Art, den Fokus auf Stil zu legen. Nicht über die Sache zu reden, sondern über das "wie". Nicht der Krieg in Russland, sondern wie jemand redet, oder aussieht war entscheidend. Die Seriösen fanden wir suspekt. Langweilig. Man konnte die Welt doch nicht ernstnehmen. Das ist vorbei. Der Krieg ist wieder da, der Klimawandel eine reale Gefahr, blöde Witze machen jetzt wir Alten.

 
 
23
Juni
Grown-ups?
Fühlt sich jemals irgendjemand erwachsen? Selbst die äußerlich konformsten Schlipsträger, Hipsterbärte oder Taxifahrer fühlen sich jung, wahrscheinlich sogar "irgendwie verrückt" und anders als die anderen. Hell, selbst meine Oma meint vor ihrem Tod, sich "innerlich noch ganz jung" zu fühlen. Wir können uns gar nicht alt fühlen, zumindest sobald wir anfangen über das Alter nachzudenken und nicht mehr im Sandkasten vier Finger zeigen und sagen "ich bin schon sooo!"

 
 
20
Juni
Sprezzatura
Das "Kontakttagebuch" aus dem letzten Jahr betrachtend ist es gar nicht so, dass nichts loswar und ich nur zu Hause saß. Aber es fehlt die Leichtigkeit, die jetzt, trotz Krieg und steigender Inzidenz wieder da ist. Wir Überlebenden nehmen die 20 Millionen Toten recht locker.

 
 
12
Juni
Begeisterung
Begeisterung zu teilen ist gleichzeitig möglich und unmöglich. Begeisternd geteilte Begeisterung kann begeistern. Freude an der Freude ist sehr groß. Selten kann sie aber überzeugen, selbst wenn der Funke der geteilten Begeisterung überspringt passiert es häufig, dass das Objekt der Begeisterung mich nicht begeistert. Bei fast allem, was Stuckrad-Barre mag geht mir das so. Aber auch bei Teeniebegeisterungen kommt es vor: Sehr schöne, ansteckende Begeisterung von eher mittelmäßigem Zeug. Man kann zwar lieben wollen, aber das bringt leider nichts.

 
 
09
Juni
Noch nicht leiden
An der Welt nicht zu leiden, sondern grundsätzlich eher guten Mutes zu sein ist eine Beleidigung für kritische kluge Introvertierte. Sie wissen und können vieles besser, erkennen Probleme, haben gegenüber Optimisten Plumpheitsverdacht und hegen Neid gegenüber der aus Ihrer Sicht ungerechtfertigten optimistischen Einstellung, die dann oft auch noch zu Erfolg verhilft.

 
 
08
Juni
Gothic Pogo Party
Wie gut mir Leipzig gefallen hab, schrieb ich bereits. Noch besser als Leipzig war die Gothic Pogo Party. Ich befürchtete dräuendes Raunen und Heulen, es war jedoch ein großer Spaß. Intensiv zwar nicht. Verkleidungen, Lichteffekte, das Gefühl in einem Klub zu sein: Die Intensität der Erfahrungen nimmt bei mir mit dem Alter ab. Es haut mich nicht mehr um. Was zum Glück nicht abnimmt: Die Intensität von Witz. Daher passt diese Pogo Party viel besser als erwartet.

 
 
06
Juni
Falsches Leben
Wie falsch und verlogen meine Schutzbehauptung war, die Lockdowns würden mir nichts ausmachen. Man hätte mehr Zeit zum Lesen, könne tolle Dinge mit den Kindern machen, für die man sich sonst nicht die Zeit nehmen würde und mit dem Homeoffice und Homeschooling würden wir uns ganz gut arrangierten. Wie viel besser das Leben jetzt ist! Wie man die Freiheit spürt, die wir jetzt wieder haben! Dennoch war mein Selbstbetrug wohl zweckmäßig, so viel lässt sich immerhin zur Ehrenrettung sagen.

 
 
24
Mai
Bedeutung
Hätte ich doch mal gerne wieder: Musik die (mir) was bedeutet und nicht nur ein Genre bedient. Das wird, zugegeben, mit meinem wachsendem Alter schwieriger. Es geht leichter bei rein instrumentalen Stücken oder Teilen von Liedern. Musik kann meine Seele anschwingen, mich eine unkitischige Form von Romantik fühlen lassen, die ich nur mit mir selbst erlebe. Nostalgieknöpfe zu drücken funktioniert zuverlässig. Ein paar bekannte Akkorde und ich bekomme Gänsehaut - worauf ich sehr stolz bin und was ich genieße. Doch das ist zwar schön, aber doch zu billig. Ich will mehr. Ich will erkannt werden oder etwas erkennen in mir neuer Musik. Und das Gefühl der Geborgenheit haben, wie nur Klänge es mir geben können.

[Abglanz von Seele]

 
 
19
Mai
Stoffel
Meine direktes Rausblöken im Leben und auf Social Media ist vielleicht etwas sehr deutsches. Die Komplexität der sozialen Codes, die insbesondere in den USA auf die Spitze getrieben wird, nervt mich. Warum nicht sagen was man denkt? Oder dichten, was man denkt? Unklarheit ist kein Gütekriterium. Das sieht man in anderen Kulturen wohl anders, da gibt es mehr Nuancen. Da ist die social media Nutzung auch um ein Vielfaches höher als bei uns. Hier wird social von vielen als Teeniekram abgetan, dabei zeugt sie vielleicht nur von höher entwickeltem sozialem Empfinden über das gesamte Leben und dessen Ablehnung von fauler Stumpfheit, die hier mit erwachsener Rationalität verwechselt wird.

[Der Mensch, das hypersoziale Wesen]

 
 
17
Mai
Seelenleben
Dummheit lässt sich leicht unterstellen, wenn man die Leute so anhört und anschaut. Doch fällt mir es schwer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass andere Leute dümmer sein sollten als ich. Gut, das mag an mir liegen. Doch ähnlich denken bessere, die Besten sind selten arrogant. Sie sind freundlich und können einfach erklären.
Noch gemeiner ist die Unterstellung der Seelenlosigkeit. Ich hörte die Unterstellung, es gäbe Managertypen, die in Konzerte gingen, aber nicht wüssten wie so. Die Unterstellung fühlt sich glaubwürdig an. Die anderen, das sind Robotermenschen, die nur soziale Codes nachahmen und nicht fühlen können. Genauso glaubwürdig, aber weniger identitätsstiftend ist die Ansicht, dass es sowas nicht gibt. Auch Menschen, die unironisch ?ins Gym? gehen, haben eine Seele. Vermutlich ist ihnen nur anderes wichtiger, als die individuelle Besonderheit ihrer Empfindungen, sondern ihr Dazugehören zur Masse. Im Gegensatz zu den Unterstellern der Seelenlosigkeit haben sie vermutlich auch eher die Möglichkeit, dazuzugehören, weil sie der Mehrheit ähnlicher sind. Deshalb tun sie es und mögen die Dinge, die der Mainstream mag. Nicht mit mehr oder weniger Seele, aber qua definitionem weniger besonders. Doch Seelen müssen nicht besonders sein, um zu existieren. Sie müssen sich noch nicht einmal nach außen zeigen. Der beliebteste Fehler ist es vom beobachtbaren Verhalten von Menschen auf ihr Empfinden zu schließen.

 
 
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Last update: 20. Feb, 10:28
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