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11
November
Halb voll
Ein Freund beklagt gerne den Niedergang der intellektuellen Kultur in Deutschland. Sicher, mit der Vertreibung oder Ermordung der klügsten und besten die wir hatten, haben die Nationalsozialisten (warum eigentlich immer diese Verniedlichungsform "Nazis"?) einiges zerstört. Vor ihnen war es bestimmt besser. Auch die Wochenzeitung "Die Zeit" war vielleicht mal ein Intellektuellenblatt und scheint mir sehr käsig geworden zu sein.
Allein, ich fühlen einen starken Drang der These vom allgemeinen intellektuellen Niedergang zu widersprechen. Es vergeht immer das Alte, Neues tut sich auf, noch unerkennbar, noch unbewertbar. So will ich es meinen. Mir kommt meine Ansicht abgeklärter, neutraler vor. Sie könnte allerdings genauso borniert sein, wie die pessimistische. Die Pessimisten sehen die Verschlechterungen, die man deutlich wahrnehmen kann. Ich hoffe, dass gute neue Dinge entstehen, weil das "schon immer so war". Diese These ist allerdings sehr dünn belegt. Vermutlich gab es auch Jahrhunderte des Niedergangs und es könnte durchaus sein, das wir mitten in einem stecken. Die Indizien sind ja da, das kann ich nicht abstreiten.

 
 
18
Oktober
Talent und Konformität
Talente müssen herausragen, sonst wäre sie keine. Tyler Cowen, den ich schon seit ca. zwanzig Jahren lese schreibt und spricht jetzt über Talent-Spotting und darüber, wie interessant die Top Leute eines jeden Felds meist sind. Mir gefällt, wie er äußerst akademisch vorsichtig spricht, aber dabei doch wilde Thesen schwingt. Ähnlich wie Drosten, damals. Europa sei weniger egalitär als die USA. Dennoch scheinen "wir Europäer" eine Liebe zur Mittelmäßigkeit zu haben, die Extreme machen uns Angst. "Die Amis" sind gleichzeitg sozial konformistischer, haben aber eine Liebe zu den Extremen. (Thesen: Meine.)



Cowen zum reinhören, unten der Link. Der Interviewpartner macht dabei den streberischen Anfängerfehler, zu fast allem zunächst mit dem Phrasenwort "Interesting!" zu antworten:

https://www.dwarkeshpatel.com/p/tyler-cowen-2#details

 
 
23
September
Ranz und vorbei
Der Charme der Berliner Ranzclubs ist nach der Pandemie wohl endgültig vorbei, schließe ich aus einer einzigen Beobachtung. Karohemdenträger (oder noch schlimmer: Karohemden sind vielleicht jetzt sogar cool!) irren lustlos durch verschimmelte Gebäude, die Kontrolle am Eingang nimmt es sehr genau, lässt aber jeden durch. Verblassende Institutionen die mit viel Staatsgeld durch die Pandemie gerettet wurden, wie sollen sie sich auch über Jahrzehnte ihren wilden Charme erhalten. Das Clubsterben ist zumindest nicht mehr das größte Problem, das Berlin hat. Vielleicht sind es eher die überlebenden Clubs.

 
 
21
September
Humeur
Humor eines Menschen zeige sich daran, wie oft er alleine lache. Gute Humoristen müssen das wohl können, mit sich selbst albern sein. Vielleicht können sie sich auch selbst kitzeln, sich selbst überraschen. Müssen auf irgendeine weise gleichzeitig dumm und klug sein, sodass diese Selbstüberaschung gelingen kann. Anderfalls kommt nur verkrampfter Konstruktionshumor raus und zu klug darf Humor nicht sein. Zu platt allerdings auch nicht.

 
 
18
September
Humboldtfail
Nach der völlig verfehlten Idee mitten in Berlin ein altes Stadtschloss neu aufzubauen und auf eine Seite eine Betonfassade zu knallen, die jetzt schon verwittert aussieht, schämte man sich so, dass Scham zum Programm des Inhalts werden musste. Das Schloss des alten weißen Mannes zeigt Kolonialbeutekunst dachte man, da sind wir wohl die Bösen. Das führt dazu, dass westliches Denken als Gefängnis dargestellt wird und zu Kritik am Konzept eingeladen wird, die sogar lustvoll übersetzt wird. Selbstgeißelung scheint der einzige Ausweg, Einordnung der Exponate gilt wohl als böse. So verkommt die Sammlung zum Kuriositätenkabinett und erreicht damit wohl das Gegenteil ihrer Intention.

 
 
17
September
Sieg des Individualismus
Ein Topos der sich in der Populärkultur über 50 Jahre gehalten hat, neigt sich seinem Ende zu. Es geht um das unverstandene Individuum, das von der konservativen Gesellschaft unterdrückt wird. Diese konservative Gesellschaft gibt es nicht mehr. Es herrscht Verständnis für jede Art von Rebellion. Daher kann man die Geschichten auch nicht mehr so erzählen. Es geht jetzt eher um Selbstfindung in einem Umfeld, in dem alle nett sind. Nett.

 
 
10
September
Jung und dumm
Warum träumen viele von der Jugend? Was ist daran schön, jung zu sein? Die Fitness des Körpers hält sich noch eine Weile über die Jugend hinaus. Kaum jemand möchte auch in die Unsicherheit und in die Ängste der Jugend zurück. Man will auch nicht ständig gesagt bekommen, was man machen muss und bestraft werden, wenn man es nicht tut. Was man aber doch will und nie wieder kriegt: In Sechserzimmern in Rom wohnen oder für ein paar Wochen Gast in einer fremden Familie zu sein. Was kann jemals geiler sein? Das neue ist noch wirklich neu, man muss keinen Extremsport treiben um sich seine Kicks zu holen. Das Leben steht noch vor einem, dahin sehnen sich manche wohl zurück. Und Jugend ist einfach krasser als Alter. Und obwohl man so handelt, als wolle man Komfort, wünscht man sich in Wahrheit Krassizität.

 
 
22
August
Komfort und Zurück
Warum Komfort? Genauer: Warum ist Komfort so akzeptiert? Komfort ist ja kein Luxus. Komfort ist uncool. Wer Komfort mag, gibt damit zu, ein Weichei zu sein. Ja, es kann Gesundheitsgründe für Komfort geben geben. Wer wirklich einen kaputten Rücken hat, kann vielleicht nicht auf der Isomatte oder einem harten Bett schlafen. Aber sonst? Warum bei Gruppenreisen in Hotelzimmern anstatt im Zelt oder in Sechserzimmern schlafen? Wegen des Komforts? Warum akzeptieren wir das als Grund? Komfort ist doch nicht geil, gut schlafen kann ich auch zu Hause und gegen Schnarcher gibt es Ohrstöpsel. Bei Luxus bin ich dabei, der ragt ja aus dem Alltag heraus. Aber Komfort ist das Opium des Volks, fort damit!

 
 
24
Juni
Stil with Style
Stylish sein oder Stil zeigen zu wollen, bedeutet ja immer auch, sich von der Masse abheben zu wollen. Damit einhergehen muss ein Mangel an Bescheidenheit. Wer sich zeigen will, wer nicht untergehen will in der Masse, muss glauben, dass er oder sie das wert ist, oder zumindest in Stildingen besser als diese Masse sei. Das macht stilbewusste Menschen nicht allen auf Anhieb sympathisch. Nur wer es hinbekommt, seinen Stil so subtil zu leben, dass er als eigener Stil, nicht als besserer wahrgenommen wird, hat den Dreh raus und lebt seinen Stil mit Style.

[Deutschland, Land der Neider.]

 
 
11
Juni
Das Auratische
Lange hing ich der Ansicht an, ich würde nicht an Dingen hängen. Anstatt Bücher zu behalten, führte ich Listen über die gelesenen Bücher. Kunstwerke photographierte ich, die Photos verwaltete ich ausschließlich digital. Lebenspraktisch keine falsche Wahl, aber ein Kategorienfehler. Das auratische, was ich ja doch einzufangen versuchte, lässt sich so nicht erhalten. Bestes Beispiel: Fotos von meinen alten Legomodellen bringen gar keine Freude, die alten Modelle selbst, bei denen ich die einzelnen zerkauten Steine noch kenne, dagegen sehr viel.

 
 
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